Pressekritik
Die Rheinpfalz vom 1. April 2008
(Von unserem Mitarbeiter Roland Happersberger):
Saisonabschluss mit ad-hoc-Kompositionen
Wolfgang Seifen begeistert an der Kirchheimer Orgel
Mächtige Klangtürme ballte er, klare barocke Strukturen ließ
er glänzen und leuchten: Der Organist Wolfgang Seifen, Professor
an der Universität der Künste in Berlin und Titularorganist
an der dortigen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, wandelte als Improvisator
an der Orgel am Sonntag zum Abschluss des Kirchheimer Konzertwinters auf
den Spuren vergangener Zeiten.
Die Leipziger Musiktradition vom Barock
bis zur Spätromantik war dem Improvisationskonzert als Thema gestellt.
Seifen agierte an der Orgelbank mit derartiger Sicherheit, mit so ausgeprägtem
Klangsinn und metrischer Präzision, dass man meinen konnte, Johann
Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy oder Sigfrid Karg-Elert seien
wiedergekehrt. Will heißen: Den hochbarocken Grundduktus der Bach-Manier,
den melodisch-empfindsamen Klassizismus Mendelssohns und die harmonischen
Möglichkeiten innerhalb der Tonalität voll ausreizenden Akkordbildungen
der Spätromantik traf er so, dass der von Seifen selbst konzipierten
Musik niemand evidente Stilfehler vorwerfen könnte.
Mehr noch: Was Seifen spielte, war nicht nur stilistisch korrekt, sondern
auch kurzweilig, eingängig und im besten Sinne unterhaltsam. Das
allein ist zweifellos eine enorme Leistung: Im Stil ganz unterschiedlicher
Meister Gefälliges erfinden zu können und es konzentriert und
geradezu perfekt vorzutragen. Wobei es natürlich das Geheimnis des
Interpreten bleiben wird, wie viel von dem Gespielten er in Kirchheim
ad hoc erfunden hat und wie viel er als mehr oder weniger fertig gestaltetes
Musikstück im Kopf bereits mitbrachte. Man wird Letzteres zumindest
für einige Teile, etwa der abschließenden spätromantischen
Sinfonie, annehmen dürfen, ohne dem Improvisator einen Schimpf anzutun.
Hoher Wiedererkennungswert
Seifen begann mit Fantasie und Fuge im Stile Bachs, kräftig und farbenreich
registriert, straff und energisch im Tempo, die Fantasie toccatenartig,
die Fuge typisch. Der Hörer konnte leicht das Gefühl haben,
das alles schon mal in irgendeinem Bachprogramm gehört zu haben.
Natürlich hatte die Musik nicht die Vielschichtigkeit Bach'scher
Spitzenwerke und konnte daher umso eher schon beim ersten Hören gänzlich
erfasst werden und gefallen. Dann folgte ein üblicher Improvisationskonzert-Ritus:
Aus einer Liste von Kirchenliedern wählte das Publikum per Handzeichen
drei aus, die Seifen als Themen für improvisierte Choralvorspiele
aufgegeben wurden.
Besonders einprägsam gestaltete Seifen den Hit "Lobet den Herren",
in ähnlicher Weise wie das bekannte "Jesu bleibet meine Freude":
In ein filigranes, gleichmäßig durchlaufendes Figurenwerk bettete
er die Choralmelodie, markant in Zungenstimmen registriert, in langen
Notenwerten ein.
Impressiv gelang Seifen eine Passacaglia, als deren Basisthema er ein
kurz vor Konzertbeginn bekannt gegebenes Thema zu verwenden hatte. Der
Organist spielte hier die durchaus machtvollen klanglichen Möglichkeiten
des Instruments zum ersten Mal voll aus, so dass mancher Hörer auf
der Empore zurückweichen mochte, manch anderer umso entzückter
war.
Flott erfundene Liedchen
Abwechslungsreich waren drei "Lieder ohne Worte" im Stile Mendelssohns:
flott erfundene Liedchen, effektreich begleitet, in denen sich zu Mendelssohns
Sentiment vielleicht auch ein wenig Berliner Operettenseligkeit der Gattung
Lincke oder Kollo mischte.
Schließlich brachte Seifen eine viersätzige Orgelsinfonie im
spätromantischen Stil mit mächtigem Eingangsallegro, einem etwas
trüb in chromatischen Akkorden fischenden Andante - allein hier mochte
der Zuhörer etwas ermüden - einem amüsanten, präzis
gespielten Scherzo und einem toccatenartigen Schlusssatz mit mächtigen
Akkordballungen und Klangsteigerungen, die das Letzte aus der Mönch-Orgel
herausholten.
Etwas Mühe hatte Seifen, die fehlenden romantischen Spielhilfen wie
Schweller auszugleichen, aber er half sich trickreich. Und da er keinen
festgelegten Text wiederzugeben hatte, konnte er in der linken Hand so
lange grundierende Akkorde greifen, bis die rechte die gesuchten Registerknöpfe
gefunden hatte.
All das fand viel Beifall und Bewunderung, die umso verdienter waren,
als Seifen sich am Sonntag nicht bei besten gesundheitlichen Kräften
befand, sondern kurz davor war, seinen Auftritt wegen Übelkeit abzusagen.
Alles in allem: ein glanzvoller Abschluss des 17. Kirchheimer Konzertwinters.
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