Zurück

30. März 2008, 17.00 Uhr

Meisterhafte
Improvisationskunst

Die Leipziger Musiktradition von
Bach bis zur Spätromantik

 

An der Mönch-Orgel:
Prof. Wolfgang Seifen (Berlin)

Anschließend Pfälzer Umtrunk



Künstler-Vitae


Wolfgang Seifen
ehemaliges Mitglied der Regensburger Domspatzen, studierte Kirchenmusik in Aachen und versah parallel seine erste Organistenstelle an der Nikolauskirche Aachen. Von 1976-1983 war er als Kirchenmusiker an St.Sebastian in Nettetal-Lobberich tätig. Er wirkte als Organist von 1983-2000 an der Päpstlichen Marienbasilika zu Kevelaer. Daneben arbeitete er als Chor- und Orchesterleiter, Pädagoge und Komponist. An der Musikhochschule Stuttgart leitete er von 1989-1992 eine Orgelklasse für Improvisation und Liturgisches Orgelspiel, in gleicher Funktion von 1992-2000 an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf. Seit 2000 ist er Professor für Improvisation und Liturgisches Orgelspiel an der Universität der Künste in Berlin. 2004 wurde er zum Titularorganisten an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin berufen. 2006 wurde er beauftragt eine Missa Solemnis für Grosses Orchester, Chor und Orgel „Tu es Petrus“ zum 80. Geburtstag von Papst Benedikt XVI. zu komponieren.



Pressekritik

„Die Rheinpfalz“ vom 1. April 2008
(Von unserem Mitarbeiter Roland Happersberger):

Saisonabschluss mit ad-hoc-Kompositionen
Wolfgang Seifen begeistert an der Kirchheimer Orgel

Mächtige Klangtürme ballte er, klare barocke Strukturen ließ er glänzen und leuchten: Der Organist Wolfgang Seifen, Professor an der Universität der Künste in Berlin und Titularorganist an der dortigen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, wandelte als Improvisator an der Orgel am Sonntag zum Abschluss des Kirchheimer Konzertwinters auf den Spuren vergangener Zeiten.

Die Leipziger Musiktradition vom Barock bis zur Spätromantik war dem Improvisationskonzert als Thema gestellt. Seifen agierte an der Orgelbank mit derartiger Sicherheit, mit so ausgeprägtem Klangsinn und metrischer Präzision, dass man meinen konnte, Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy oder Sigfrid Karg-Elert seien wiedergekehrt. Will heißen: Den hochbarocken Grundduktus der Bach-Manier, den melodisch-empfindsamen Klassizismus Mendelssohns und die harmonischen Möglichkeiten innerhalb der Tonalität voll ausreizenden Akkordbildungen der Spätromantik traf er so, dass der von Seifen selbst konzipierten Musik niemand evidente Stilfehler vorwerfen könnte.
Mehr noch: Was Seifen spielte, war nicht nur stilistisch korrekt, sondern auch kurzweilig, eingängig und im besten Sinne unterhaltsam. Das allein ist zweifellos eine enorme Leistung: Im Stil ganz unterschiedlicher Meister Gefälliges erfinden zu können und es konzentriert und geradezu perfekt vorzutragen. Wobei es natürlich das Geheimnis des Interpreten bleiben wird, wie viel von dem Gespielten er in Kirchheim ad hoc erfunden hat und wie viel er als mehr oder weniger fertig gestaltetes Musikstück im Kopf bereits mitbrachte. Man wird Letzteres zumindest für einige Teile, etwa der abschließenden spätromantischen Sinfonie, annehmen dürfen, ohne dem Improvisator einen Schimpf anzutun.

Hoher Wiedererkennungswert
Seifen begann mit Fantasie und Fuge im Stile Bachs, kräftig und farbenreich registriert, straff und energisch im Tempo, die Fantasie toccatenartig, die Fuge typisch. Der Hörer konnte leicht das Gefühl haben, das alles schon mal in irgendeinem Bachprogramm gehört zu haben. Natürlich hatte die Musik nicht die Vielschichtigkeit Bach'scher Spitzenwerke und konnte daher umso eher schon beim ersten Hören gänzlich erfasst werden und gefallen. Dann folgte ein üblicher Improvisationskonzert-Ritus: Aus einer Liste von Kirchenliedern wählte das Publikum per Handzeichen drei aus, die Seifen als Themen für improvisierte Choralvorspiele aufgegeben wurden.
Besonders einprägsam gestaltete Seifen den Hit "Lobet den Herren", in ähnlicher Weise wie das bekannte "Jesu bleibet meine Freude": In ein filigranes, gleichmäßig durchlaufendes Figurenwerk bettete er die Choralmelodie, markant in Zungenstimmen registriert, in langen Notenwerten ein.
Impressiv gelang Seifen eine Passacaglia, als deren Basisthema er ein kurz vor Konzertbeginn bekannt gegebenes Thema zu verwenden hatte. Der Organist spielte hier die durchaus machtvollen klanglichen Möglichkeiten des Instruments zum ersten Mal voll aus, so dass mancher Hörer auf der Empore zurückweichen mochte, manch anderer umso entzückter war.

Flott erfundene Liedchen
Abwechslungsreich waren drei "Lieder ohne Worte" im Stile Mendelssohns: flott erfundene Liedchen, effektreich begleitet, in denen sich zu Mendelssohns Sentiment vielleicht auch ein wenig Berliner Operettenseligkeit der Gattung Lincke oder Kollo mischte.
Schließlich brachte Seifen eine viersätzige Orgelsinfonie im spätromantischen Stil mit mächtigem Eingangsallegro, einem etwas trüb in chromatischen Akkorden fischenden Andante - allein hier mochte der Zuhörer etwas ermüden - einem amüsanten, präzis gespielten Scherzo und einem toccatenartigen Schlusssatz mit mächtigen Akkordballungen und Klangsteigerungen, die das Letzte aus der Mönch-Orgel herausholten.
Etwas Mühe hatte Seifen, die fehlenden romantischen Spielhilfen wie Schweller auszugleichen, aber er half sich trickreich. Und da er keinen festgelegten Text wiederzugeben hatte, konnte er in der linken Hand so lange grundierende Akkorde greifen, bis die rechte die gesuchten Registerknöpfe gefunden hatte.
All das fand viel Beifall und Bewunderung, die umso verdienter waren, als Seifen sich am Sonntag nicht bei besten gesundheitlichen Kräften befand, sondern kurz davor war, seinen Auftritt wegen Übelkeit abzusagen. Alles in allem: ein glanzvoller Abschluss des 17. Kirchheimer Konzertwinters.

Zurück